Der Mensch ist ein Trampeltier
Noten zum Werk von Marielis Seyler
Ein nackter Frauenkörper, notdürftig mit welkem Laub bedeckt – sicher ein Sexualverbrechen, oder? Nein, Kunst. Aber ebenfalls nicht harmlos. Und schon gar keine Kunst, die einfach brav an der Wand hängt.
Das vermeintliche Tatortfoto, schockierend und faszinierend zugleich, das mich vor nicht allzu langer Zeit in einer Galerie unweigerlich in seinen Bann gezogen hat, ist ja selber eine Weile im Freien gelegen, war schutzlos dem Wetter ausgeliefert und der Natur, die wiederum Erde und weitere herbstliche Blätter drübergestreut und versucht hat, sich das Bild (aus der Serie der Open Air Bilder) einzuverleiben. Mensch und Natur, die Verletzlich- und Vergänglichkeit von beidem, Leben und Tod, das sind eben die Themen von Marielis Seylers erweiterter Fotografie, einer Fotografie, konzeptuell und in zurückhaltendem Schwarzweiß, die in die Collage, die Malerei, die Performance expandiert, denn: »Die klassische Fotografie ist mir zu dokumentarisch. Ein reines Foto bildet nur ab.«
Nicht, dass ein Abbild keinerlei Wirkung hätte. Einmal hat die Fotokünstlerin ein solches von einem Vogelnest draußen »nachreifen« lassen, und »irgendein Viech« hat just das Ei aufgerissen. Wird sich wohl ein Eierdieb (oder ein Geburtshelfer?) vom Schein des Echten täuschen haben lassen wie die Spatzen, die dereinst angeblich die gemalten Trauben aufpicken wollten, mit denen der anekdotenumwobene antike Maler Zeuxis sie gefüttert haben soll. He, wäre es nicht ein sehr verlockender Gedanke, wenn aus dem fotografierten Ei vielmehr etwas geschlüpft wäre? Weil das Abbild auf sich selbst reingefallen ist?
Marielis Seyler war viel unterwegs, war in Paris, in Köln, in New York; in Japan hat sie vom einstigen Brauch des Bild-Tretens gehört (in der Edo-Zeit, als im Land der Kirschblüten noch Christen verfolgt wurden, mussten nämlich mutmaßliche Christen ihre »Unschuld« beweisen, indem sie als Probe auf Kreuzigungs- und Mariendarstellungen draufgetreten sind – Seyler: »sonst war das ihr Todesurteil«), was die Fotografin zu ihren Trampelbildern inspiriert hat, die zu so etwas wie ihrem Markenzeichen geworden sind.
Während auf den Open Air Bildern die Natur ihre Spuren hinterlässt, sind es hier die Menschen mit dem (meist urbanen) Dreck auf ihren Schuhsohlen. Seyler will die Leute darauf aufmerksam machen, »worauf sie unbewusst herumtrampeln«. Legt ihnen Bilder vor die Füße (auf Plätzen, im Kaffeehaus, als Hürde vorm Eingang …), und man kommt zum Beispiel überhaupt nur weiter, wenn man eine nackte Frau, ängstlich oder frierend zusammengerollt zur Embryonalstellung, als Fußabtreter benutzt. Ein Test? Oute ich mich als schlechte Feministin, wenn ich weitergehe? Oder bin ich eine Banausin, wenn ich nicht weitergehe, weil das doch schließlich ein Mitmach-Kunstwerk ist, und wenn ich mich aus irgendwelchen frauenrechtlichen Bedenken verweigere, wird es vielleicht niemals fertig? Außerdem ist die Künstlerin selbst eine Frau und die will das so: dass ich ihr Opus »betrete«. Darum hab ich mich mit meinen schmutzigen Stiefeln ausgiebig solidarisch mit ihr erklärt, mit Marielis Seyler, und den Test somit hoffentlich bestanden. Mit Auszeichnung. Seyler: »Die Leute wollen nicht drauftreten, aber wenn sie sich einmal entschieden haben … – wehe, wenn sie losgelassen.« Merkt man ja an einer Schmetterlingssammlung, die es vom Boden eines Friseurs wieder an die Wand zurückgeschafft hat.
Apropos tote Tiere. Die finden auch immer wieder den Weg in Seylers Kunst, in ihre ruhigen, einfühlsamen Kompositionen. Oder Marielis Seyler findet sie. Im Garten, beim Bauern, auf der Straße. (Und irgendwann haben die Leute sogar angefangen, ihr welche vorbeizubringen oder sie auf Unfallopfer hinzuweisen, weil es sich herumgesprochen hat, dass da eine tote Viecher fotografiert.) In einer Art Ritual versorgt sie ihre Wunden mit Bronze, Wachs, oder sie streichelt die Federn, das Fell mit Pastellkreide oder Blauwurz. Kunst macht den Tod wieder gut. Wer sich nun eine voyeuristische Leichenbeschau erwartet, der wird jedenfalls enttäuscht. (»Ich liebe die Natur und ich liebe die Tiere und ich leide mit ihnen.«)
Als Seyler eine Broschüre über die legendäre Beuys-Aktion Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt sah (am 26. November 1965 ist der Mann mit dem Filzhut und dem erweiterten Kunstbegriff ausnahmsweise ohne Filzhut, dafür mit komplett vergoldetem Kopf und einem toten Hasen durch seine eigene Ausstellung marschiert), war sie so angetan davon, wie berührend Beuys mit dem Hasen umgegangen ist, dass sie sofort gewusst hat: »Ich brauche einen toten Hasen!« Und hat bei einem Restaurantbesitzer, der nebenbei Jäger war, angefragt, ob er ihr einen borgen könnte. »Drei Tage später hab ich vor der Türe einen toten Hasen liegen gehabt. Mit einem Lorbeerblatt im Maul.« Und dem hat sie nachher quasi ihre Kunst erklärt. In den frühen 1990er-Jahren war das. Hat ihn mitleidig verarztet, ihm behutsam einen Verband angelegt. Einen anderen Hasen hat sichtlich kein Jäger erwischt, sondern ein Auto (mindestens eins) und ihn regelrecht in die Straße eingeackert. Seyler hat zwar Restaurieren ebenfalls gelernt, aber da war klarerweise nix mehr zu machen. Wenigstens kann sie dem beinah bis zur totalen Abstraktion planierten Kadaver mit einem gefühlvoll hingehauchten Rot ein wenig Wärme und dem Betrachter Trost spenden.
Kalt lassen diese intimen Arbeiten in großen Formaten wohl niemanden. Zwei Rehe (2018): In Wirklichkeit bloß eines, das in einer Doppelbelichtung geisterhaft nachhallt, ver-hallt (der Tod – das Echo des Lebens?), bevor eine Lärche es mit ihren herabrieselnden Nadeln förmlich betrauert und eine Eibe ihre roten Beeren dazu wirft (Grabbeigaben?). Selbst ein Spatz (»Wahrscheinlich ist er gegen eine Scheibe geflogen«) bekommt seine Andacht: Vogelkehle II (1998). Und wenn Seyler seinem Bildnis die mit Blauwurz gefärbten Hände auflegt? Ein Versuch, den Tod zu begreifen? Offenkundig hat sie diesbezüglich keine Berührungsängste, ist der Tod doch ein Naturprodukt wie jegliches Leben.
Was haben eigentlich eine Frau und ein Fisch gemeinsam? Zumindest mehr als den Anfangsbuchstaben. Wenn allerdings eine Frau ohne Mann wie ein Fisch ohne Fahrrad ist (laut diesem feministischen Spruch), was ist dann eine Frau mit einem Fisch? 1987 hat Seyler in ihrem streng komponierten Zyklus Körperfische eine Makrele präzise auf dem weiblichen Körper platziert, Schwanzflosse und glitschiger Hinterleib wurden etwa zum Schamdreieck. Bekanntlich hat im Wasser alles Leben begonnen. Im Mutterleib ist der Mensch gleichfalls noch ein Wasserbewohner (der Uterus: ein potenzielles Aquarium sozusagen), ehe er bei der Geburt an Land kriecht respektive ins Trockene gepresst und gezogen wird. Und im Gegensatz zum Fisch überlebt er an der Luft.
Sogar ein abgeerntetes Maisfeld kann die Fantasie beflügeln (im flatterndsten Sinne des Wortes). Plötzlich träumt der Kukuruz vom Fliegen, verwandeln sich die zurückgebliebenen, bizarr verdrehten Blätter in elegante Engel, Schmetterlingswesen und tänzerische Paradiesvögel (Flying Corn, 2013). »Wenn man schaut, findet man Hunderte Sachen«, weiß Marielis Seyler. Und sie schaut halt nicht nur, sondern sieht auch.